Alfred Banze



Alfred-Banze.de Berlin, Germany abanze@web.de

More Banyan Drawings


„LAND!“

Macuro - Auf dieser Halbinsel Venezuelas hat im Jahre 1498 Christoph Columbus ein einziges Mal den südamerikanischen Kontinent betreten. Aber er wusste es nicht, er dachte damals, dies wäre wieder nur eine dieser zahllosen Inseln. Ein passender Ort, sich ein paar Gedanken zum Banyan Project zu machen.

Kontemplation - Der Urwald sieht nicht aus wie diese Schautafeln im Biologieunterricht. Der Urwald ist ein wirres Gebilde, aus unserer Sicht lebensfeindlich. Er bedroht uns auf vielerlei Weise, er versucht uns zu zersetzen, in andere Lebensformen zu transformieren, und dies in ungeahnter Geschwindigkeit, so wie in dem Animationsfilm "Donald Duck beim Camping" in dem Donald von einem Ameisenstaat schliesslich weggetragen wird, wie vorher die Brotkrümmel seines Picknicks. Der Urwald ist kein Ort der Kontemplation, eher der Erfahrungen, über die es sich lohnt nachzudenken. Der Urwald legt uns nahe, dass alles Leben, also auch all unsere Aktivitäten quasi totemistischer Natur sind, dass sie in Beziehung stehen zu den Abläufen der Energietransformationen im Lebenskreislauf der Natur.

Rokoko - Versetze Loops, sich wiederholende Rythmen, im Visuellen sind das die Ornamente, welche verborgenen Botschaften sind in ihnen zu finden? Claude Levi-Strauss beschreibt die Körperbemalungen der Bororo in Brasilien als ähnlich zu europäischen Spielkarten oder Wappen. Ornamente stehen in Beziehung zu sozialen Strukturen, und sie sind vergleichbar mit Musik, eine visuelle Rythmik. Die Ornamente der Bororo: Ausdruck einer virtuellen Hierarchie, mit Königen und Fürstenhäusern, da wo es eigentlich nur Buschhütten und Malaria gibt. Das lässt mich an die Fürstenhäuser der Clubs, des nächtlichen Berlin denken.

Raum-Zeit-Gefüge - Der Banyanbaum wächst quasi rückwärts, von oben nach unten, er nimmt sich einen Wirtsbaum als Träger und wächst an ihm von oben herab, tötet den Wirt dabei nach und nach (Würgefeige, Stranglertree). Der Raum definiert sich hier in der horizontalen Bewegung, der parallelen Strategie des Baumes mit mehreren Stützpfeilern, die selbst neue Teilbäume werden. Es bildet sich ein regelrechter Wald mit bis zu 300 m Durchmesser. Der Baum bietet sich an als Metapher für parallel agierende gesellschaftliche Subkulturen und deren Syncronität in den Beziehungen zueinander.

Big City - Metropolen haben die Tendenz, sich aufeinander zuzubewegen, sich immer mehr einander anzupassen. Sie repräsentieren nicht ihr Land, ihre Aufgabe ist es, globale Kommunikationsfähigkeit zu beweisen. So positioniert sich die Kunst und Kultur der Metropolen wie eine unendliche Weltausstellung EXPO. Regionale Kultur findet man eher in den Periferien, oder wie der Schriftsteller Hakim Bey sinngemäss sagte: "...in den Rissen einer verkrusteten globalen Einheitskultur".

Perspektivenwechsel - Wie funktionieren Kunstwerke in anderen Kulturen und Weltteilen? Können wir als Künstler ästhetische Korrespondenten sein, bei Präsentationen, Workshops, Performances, die Einzigartigkeit der Momente der Begegnung suchend?

Sozialarbeit oder Kunst - "Du benutzt die Jugendlichen doch nur.." hab ich schon oft gehört, aber nie von den Jugendlichen selbst. Das Problem der Begegnung von Erwachsenen und Jugendlichen sind die üblichen Routinen. Sozialarbeit ist eine Dienstleistung für Bedürftige, ausgeführt von entsprechend ausgebildeten Spezialisten, die die Verantwortung übernehmen. Mein Verhältnis zum "Wartungsfall Jugend": Immer die Hoffnung bewahren, dass Jugendliche kein Wartungsfall sind, immer ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Tun zugestehen, auch wenn das manchmal wehtut. Gemeinsame Projekte orientieren sich am besten an Wünschen, nicht an Zielen.

Der technische Raum - Thema der Kunst und zugleich Werkzeug: Internet, TV, Radio, die Bewegung mit Flugzeugen, Rolltreppen und 4-Wheelcars, die Umformung der Kommunikation in Ereignisse bei Workshops. Der Anspruch: Erweiterung der Wirklichkeit durch die künstlerische Aktion.

Kunstvermittlung - Jede Art von Öffentlichkeit, das Nutzen unterschiedlichster Kommunikationsmittel, selbst die Kunstvermittlung kann Werkzeug künstlerischer Praxis sein. Anstatt der üblichen “Sachlichkeit” der Akteure in diesen Bereichen können Künstler festgefahrene Grenzen eher infrage stellen, zugunsten des Ereignishaften und der Transformationsfähigkeit.

Technik - Anfänglich als Internetprojekt gedacht, mit online kommunizierenden Künstlern und Workshopgruppen weltweit, wurde ziemlich schnell klar, dass die Nachstellung rein technischer Machbarkeit (die zwar oft erdacht wurde, aber selten funktioniert hat) durch etwas anderes, durch poetischere Massnahmen ersetzt werden muss, bei der die Teilnehmer und ihre kreative Präsenz in ihrer unmittelbaren Umgebung in den Vordergrund des Projektes rückt. Die Technik trat vom formprägenden Element zurück, hin zum Werkzeug, zum Transportmittel von Informationen. die erst durch poetische Momente von Begegnungen vor Ort bei den Workshops "lebendig" wurden. Und es wurde klar: das Geflecht braucht seine Zeit, da es nicht wirtschaftlich orientiert ist, da es nicht die lichtgeschwindigkeits-schnellen Kommunikationswege des Geldes beschreitet. Es benutzt zwar die gleiche Technologie, aber es ist wichtig, sich eine eigene, durch projekteigene Dynamiken bestimmte Geschwindigkeit vorzubehalten. Seit Anfang des Projektes im Jahre 2004 ist die Technik weite Schritte vorangegangen. So laufen einige interaktive Beiträge nicht mehr auf aktuellen Rechnern, und einige künstlerische Intervenionen im öffentlichen Raum funktionieren nicht mehr, weil dieser sich verändert hat. Trotzdem stehen diese Arbeiten weiterhin für sich, es ist nur schwieriger sie zu präsentieren. Andererseits wird es leichter: Neue Kleinstmonitore machen es nun möglich die gesamte Ausstellung in einigen Koffern per Flugzeug zu transportieren.

Müll - Mag ich wirklich noch die Ästhetik der Verwahrlosung, die ich damals zu den Zeiten des Punk als so bitter nötig für unser Westdeutschland empfand? Nein, die ganze Welt erstickt in Müll, körperlicher und geistiger Art, auch wenn einige Auserwählte ihre Sichtblenden immer noch nationalistisch definieren können.

Sympathie - Wie der Banyan-Baum ein lebendes Wesen ist, so hab ich dem Banyan-Project allerlei Wandlungen zugestanden. Es sollte ein Projekt der Begegnungen werden, der Neugier und des Spiels mit der Verführung. Auch der "naiven" Herangehensweise früherer Projekte, aber ohne deren Zynismus. Das Banyan Project sollte nach der Beschäftigung mit Seperatismus, Ausgrenzung, Fundamentalismus vor allem eine Suche nach positiven Alternativen, nach Multi-Perspektive sein. Mir geht es um die poetische Freiheit des Individuums kontra der gesellschaftlich konventionierten Diskurse. Die Stärke einer Gemeinschaft liegt für mich in der Utopiefähigkeit ihrer Mitglieder, der Fähigkeit oder der Lust über die eigenen Schatten zu springen, eigene Grenzen zu erkennen und sich an ihnen abzuarbeiten. Und Distanz zugleich: Das Allgemeine im Persönlichen suchend, das Persönliche im Allgemeinen findend. Was macht mich korrespondenzfähiger? Poetisch-ästhetische Selbstbestimmung, dies ist meine Art von Lebensqualität. Irgendwo heisst es, der Tanz ist die Sprache der Götter. Dann ist die Liebe die eigentliche Sprache der Menschen.

Alfred Banze
Macuro, Venezuela, 27. 01. 2008

francais

""LAND IN SIGHT!"

MACURO – Christopher Columbus only stepped onto South American soil once and it was on this peninsula in Venezuela in 1498. He did not know that at the time. For him Macuro was yet another one of countless islands. It is a fitting place to ponder about the Banyan Project.

CONTEMPLATION – Real jungle does not compare with the pictures presented during biology classes. The jungle is a chaotic formation, we consider it to be life-threatening. It threatens us in manifold ways, it tries to disintegrate us, to transform us into other life-forms, and it does so with unforeseen speed reminiscent of the animation “Donald Duck goes camping”– in which Donald Duck is finally carried away by ants as before had happened to the breadcrumbs of his picnic. The jungle is not a place for contemplation; it is a place for making experiences that ask to be reflected upon. The jungle suggests that all life, all our activities are effectively of a totemistic nature. That our life and its activities stand in direct relationship to the flow and transformations of energy within nature’s lifecycle.

ROCOCO – loops off-set, repetitive rhythms, ornaments in a visual world, what hidden messages can be discovered amongst them? Claude Levi-Strauss suggests the body-paintings of the Bororo in Brazil are comparable to European packs of cards or coats of arms. Ornaments relate to social structures and are comparable to music, they stand for visual rhythm. The ornaments of the Bororo are expressions of a virtual hierarchy, kingly und princely abodes are placed where in fact only huts and malaria exist. It reminds me of Berlin at night and the pricely surroundings in its clubs.

SPACE - TIME - FABRIC – the Banyan Strangler tree grows the other way round, from top to bottom, it chooses a host and grows from the top down, slowly killing its host. Space is defined by a horizontal movement. One strategy of the tree are parallel pillars, which become new trees in their own right. It can turn into a forest of up to 300 m diameter. The tree lends itself as a metaphor for subcultures which act in parallel and, in their relation, synchronise with each other.

BIG CITY – Metropolises have the tendency to move toward each other, to become more and more alike. They do not represent their country; instead they give evidence of their ability to communicate globally. In these locations, art and culture position themselves like a never-ending world exhibition, an EXPO. Regional art is found in the peripheries or, to quote the writer Hakim Bey, “within the cracks of a fossilised global standardised culture”. CHANGE OF PERSPECTIvE – How do works of art function in other cultures, in other parts of the world? Can the artist be an aesthetic correspondent, seeking the singularity of momentary encounters through presentations, workshops, performances?

SOCIAL WORK OR ART – “You are just using the youngsters”– I have heard it many times, but never from the young people themselves. Established routines pose problems in the encounter between adult and young persons. Social work is a service for the needy, performed by a trained expert who takes on the responsibility. From my perspective youth does not inevitably turn into a problem, youth can accept responsibility for itself, even if it hurts at times. Collaborative projects are best orientated by desires not by aims. THE TECHNICAL SPACE – Tool as well as subject-matter of art: internet, TV, radio, movement by plane, escalators and four-wheel cars, a transformation of communication into events through workshops. The expectation: an expansion of reality through artistic activity.

ART MEDIATION – Any type of public, the use of various means of communication, even art mediation can be a tool used in artistic practice. Instead of the usual “objectivity” demonstrated by the actors in these fields, artists can question closed borders, can tease out the eventuality, the ability to transform.

TECHNOLOGY – Initially conceived as an internet project with artists and workshop groups by communicating worldwide online, it quickly became apparent that the imitation of purely technical “do-ability”(which has often been thought but seldom realised) needs to be replaced with something else, some more poetic measures, which move the participants and their creative presence within their immediate surroundings into the foreground of the project. Technology became the tool rather than the form-giving element, the conveyor of information became “poetic” by meetings on site, initiated by “Live” workshops. It became obvious that the growth of such a structure needs time since it is not guided by economics, since it does not utilise the channels passed through with lightning speed by money. It does utilise the same technology but it is important to retain autonomy of the speed of movement, to allow it to be determined by the dynamics inherent in the project. Since 2004, when the project began, technology has moved on. Some of the interactive contributions no longer function on today’s computers and likewise some of the artistic interventions in the public sphere no longer function because the public sphere has changed. Nevertheless these works remain autonomous though it is now more difficult to present them. Other developments have made things easier: smaller monitors enable us to pack an entire exhibition into a few suitcases.

WASTE – Do I still like the aesthetics of neglect that seemed so necessary for Western Germany at the time of punk? No, the entire world suffocates in waste, waste of a physical as well as intellectual kind, even though some are still able to define their parameters by national considerations.

SYMPATHY – Since the Banyan is a living organism, I conceded all kinds of changes to the Banyan project. It was to be a project of encounters, of curiosity and games of seduction. And it was to retain elements of previous projects, their “naiveté” without the cynicism. After a time of pre-occupations with separatism, exclusion, fundamentalism, the Banyan project was to be predominantly a search for positive alternatives, for multiple perspectives. I am concerned with the poetic freedom of the individual as opposed to the discourse conventionalised by society. In my opinion the potential for utopia harboured by members that make up a community determines their strength, their ability and their desire to step out, to realise their own limits and to work on these. And simultaneously distance: to seek the universal in the personal, to find the personal in the universal. What could enable me more to correspond? The quality of life I seek is poetic-aesthetic self determination. Somewhere it is written, dance is the language of gods. In that case love is the language of humans.

ALFRED BANZE
Macuro, Venezuela, 27 January 2008